„TAT-Ausgleich“ an der Schule

1. Was bedeutet „Tatausgleich“ und welche Ziele werden damit verfolgt?

  • „Tatausgleich“ (früher „Täter-Opfer-Ausgleich“) ist eine Methode, mit deren Hilfe bestimmte Konflikte (i. d. R. einseitig verursacht)aufgearbeitet werden können. (im Unterschied zur Streitschlichtung und Mediation , wo Konflikte geschlichtet werden, die in erster Linie beidseitig verursacht sind und nicht so schwerwiegend sind )
  • Der „Tatausgleich“ ist parteilich, das bedeutet, dass die Methode in erster Linie dazu dienen soll, dem Geschädigten zu seinem Recht, zu einem Ausgleich und/oder einer Wiedergutmachung verhelfen soll. (Beschädigte Sachen werden ersetzt, evtl. „Schmerzensgeld“ bei Gewaltübergriffen, evtl. Ausgleich oder Hilfe bei entstandener Mehrbelastung wie z. B. Arztbesuch und Fahrtkosten.)
  • Tatausgleich ist ein Baustein der Beratungs- und Schulsozialarbeit an der Schule und arbeitet folglich eng mit den Lehrkräften, Eltern, Schulsozialarbeitern/innen und Konfliktlotsen zusammen.
  • Pädagogische Ziele bezogen auf den „Täter“ sind das Bewusstmachen und Einstehen für das eigene Verhalten, das kritische Hinterfragen des Fehlverhaltens und das Klären und Wiedergutmachen des Verhaltens – in der Auseinandersetzung mit dem „Opfer“, um so eine positive Verhaltensänderung zu erarbeiten.
  • Die Wiedergutmachung, evtl. auch weitere pädagogische Maßnahmen nach dem Schulgesetz können folgen und verlangt werden, Einsicht des „Täters“ in sein Verhalten ist erwünscht, kann aber unter Umständen nicht erreicht werden.
  • Bei bestimmten Tätlichkeiten wie z. B. Prügeleien mit geringer Körperverletzung oder Diebstahl mit geringen Folgen kann die Schule auf eine Anzeige bei der Polizei verzichten, wenn der Tatausgleich erfolgreich durchgeführt wird.
  • Tatausgleich ist u. a. auch Bestandteil der Jugendgerichtsbarkeit, so kann das Gericht die Teilnahme am Tatausgleich auferlegen, ebenso können Verfahren eingestellt werden oder es kann auf Anklage verzichtet werden, wenn der Tatausgleich durchgeführt wird. (In der Praxis gab es bislang mehrere Fälle, bei denen ein Verfahren eingestellt wurde, da der Tatausgleich an der Schule erfolgreich durchgeführt wurde.)
  • Wird eine Tat bei der Polizei gemeldet, aber nicht angezeigt, wird gemeinsam mit der Polizei und den Beteiligten entschieden wie vorgegangen wird, ob der Tatausgleich Sinn macht, ob er von der Polizei oder von der Schule durchgeführt wird. Häufig werden die Gespräche gemeinsam mit der Polizei geführt.)
  • Der „Täter- Opfer- Ausgleich“ ist eine verpflichtende Schulmaßnahme, die von der Schulkonferenz gewollt und unterstützt wird.

2. Bei welchen Konflikten macht es Sinn, den Tatausgleich durchzuführen?

Bei Konflikten, die (zunächst) einseitig verursacht werden,

  • bei jeglicher körperlicher Gewalt gegenüber Mitschülern/innen,
  • bei verbaler, psychischer Gewalt, bei herabwürdigendem, beleidigendem Verhalten,
  • bei Diebstahl und Sachbeschädigungen,
  • unterstützend und als ein Baustein bei Mobbing und Cybermobbing.

3. Wer entscheidet, in welchen Fällen das Verfahren genutzt wird?

  • Bei Konflikten wie oben erwähnt entscheidet zunächst die Lehrkraft oder die Klassenlehrkräfte nach Anhörung der Betroffenen im Team(häufig ist der Mediator für den Tatausgleich bereits dabei), ob der Tatausgleich oder andere pädagogische Maßnahmen durchgeführt werden sollen.
  • In der Praxis sind die „Fälle“ oft so offensichtlich, dass Lehrkräfte, mitunter auch Schüler/innen sehr schnell um das Verfahren bitten, damit schnell reagiert und geholfen werden kann.
  • Verweigern „Täter“ die aktive Mitarbeit im Verfahren, verhalten sich destruktiv oder halten sich nicht an die Abmachungen, dann wird das Verfahren abgebrochen und es werden andere Maßnahmen nach dem Schulgesetz eingeleitet.

4. Wie wird vorgegangen, was sind die wesentlichen Schritte?

  • Vorinformationen zum Tathergang durch Mitschüler/innen und/oder Kollegen/innen (Bei Sachbeschädigungen vertritt der Hausmeister die Schule.)
  • Gespräch mit Geschädigtem/r zum vorgefallenen Geschehen (evtl. Eltern informieren):
    • Informationen zum Ablauf des Verfahrens
    • Ablauf aus Sicht der/s Geschädigten
    • Befürchtungen und Ängste abklären (Es kommt vor, dass sich der /die „Geschädigte“ als „Petze“ fühlt oder befürchtet, dass er/sie zusätzlichen Ärger bekommt, wenn der Fall offenkundig ist.)
    • Zielvorstellungen, Wünsche, Wiedergutmachung und zusätzlichen Aufwand besprechen (Das kann bedeuten, dass zerstörte Sachen ersetzt werden sollen, dass zusätzliche Kosten, z. B. Reinigung, Reparatur, Fahrtkosten erstattet werden sollen, dass eine Entschädigung für Schmerzen, Unannehmlichkeiten geleistet werden soll.)
  • Gespräch mit Täter/in (Eltern informieren)
    • Informationen zum Ablauf des Verfahrens (Folgen der konstruktiven Mitarbeit aufzeigen wie auch die der Verweigerung),
    • Informationsstand zum Hergang abklären (nur auf begründete, nachvollziehbare Einwände eingehen, nicht auf Rechtfertigungen, Ausreden, Verharmlosungen),
    • Motive, Hintergründe zum Verhalten und zur Bereitschaft der Aussöhnung und Wiedergutmachung erfragen
  • „Tatausgleichsgespräch“
    • Kurzes Vorgespräch mit „Opfer“ (Frage nach weiteren Übergriffen, Verletzungen, Befürchtungen)
    • Ablauf, Regeln und Ziele benennen
    • Tathergang aus Perspektive des „Geschädigten“
    • Einwände, Ergänzungen seitens des „Täters“(wie oben möglichst ohne Rechtfertigungsstrategien und Ausflüchte
    • Eingehen auf Gefühle, Bedürfnisse, Befürchtungen,
    • Perspektivwechsel und Empathie anstreben („Täter“ in „Opferrolle“),
    • Lösung erarbeiten (Entschuldigung, eine zur Tat und zum Verhalten angemessene Wiedergutmachung, evtl. auch pädagogische Maßnahmen nach Schulgesetz in Absprache mit Klassenlehrkräften und Schulleitung)
    • Lösung, Zielvereinbarung, Überprüfung festlegen (evtl. schriftlich)
  • Rückmeldung an Eltern und Lehrkräfte
    • Anruf bei den Eltern zum Ausgang und zur Lösung des Verfahrens
    • Rückmeldung an betroffene Lehrkräfte
    • Überprüfung der Vereinbarungen

5. Wie wird das Verfahren umgesetzt?

  • Die Vorgespräche finden zum Teil in den großen Pausen statt, die anderen Gespräche nach Absprache während der Unterrichtszeit oder im Anschluss.
  • Erfahrungsgemäß sind es am Schuljahresanfang weniger Fälle, vor den Ferien, besonders auch vor den Zeugnissen und vor Weihnachten werden es dann mehr.
  • Das Verfahren ist über die Jahre den meisten an der Schule Mitwirkenden bekannt und anerkannt.
  • Alle pädagogischen Gespräche und Maßnahmen erfolgen in enger Kooperation mit den betroffenen Eltern, Lehrkräften und den Schulsozialarbeitern/innen.
  • Es stehen zur Zeit zwei Unterrichtsstunden für diese Arbeit zur Verfügung, der geschätzter Zeitaufwand pro Fall liegt bei mindestens 60 Minuten. Um dem tatsächlichen Aufwand gerecht zu werden, sollten weitere Stunden zur Verfügung gestellt werden.

Für weitere Fragen und Ergänzungen stehe ich gern zur Verfügung.

Dietrich Meyer-Jessen